
EINLEITUNG
Lukas Pfeifer, Underground Classroom © 2026
Selbstgesteuertes Lernen ist eine urmenschliche Fähigkeit. Ob wir unser Fahrrad reparieren, uns eine komplexe Software aneignen oder ein neues Backrezept meistern wollen: Wir setzen uns Ziele, legen konkrete Schritte fest und überprüfen regelmässig, ob wir diese auch erreicht haben. Wenn etwas im ersten Moment noch nicht funktioniert, passen wir die Strategie an und probieren es nochmals, denn Fehler sind ein natürlicher Teil dieses Prozesses.
An der Schule erleben wir dieses Verhalten jedoch eher selten. Das liegt weniger an den Jugendlichen als an der Natur des traditionellen Unterrichts: Wenn die Inhalte gleichzeitig vermittelt werden und Prüfungen ein Thema mit einer Note abschliessen, sinkt die Bereitschaft, Initiative zu ergreifen und Risiken einzugehen. Wenn Schüler:innen mehr Verantwortung für ihr Denken und Lernen übernehmen sollen, müssen wir Schule als einen Ort gestalten, an dem sie diese Selbststeuerung üben und trainieren können.
Doch dies ist einfacher gesagt als getan.
Einerseits stellt sich die Frage, wie wir hohe Ansprüche und klare Verbindlichkeiten sicherstellen können, die den Schüler:innen einen klaren Rahmen geben, ohne ihnen allen Freiraum zu rauben. Andererseits – und das ist die viel grössere Herausforderung – müssen wir eine Lernumgebung schaffen, in der die Schüler:innen bereit sind, sich wirklich auf den Lernprozess einzulassen. Denn nachhaltiges Lernen ist anstrengend. Es braucht Reibung und Widerstand. Nur wenn Schüler:innen bereit sind, diese Denkarbeit wirklich selbst zu leisten und sich auf einen sogenannten Productive Struggle einzulassen, können sie echte Kompetenzen aufbauen.
Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, brauchen wir eine Bewertungsform, die das Lernen und nicht allein die Vergabe von Noten ins Zentrum stellt. Eine solche Bewertung macht von Beginn an transparent, welche Qualität erwartet wird, und fordert diese verbindlich ein. Anstatt einer einzigen abschliessenden Prüfung bietet sie mehrere kleinere Leistungsnachweise, die den aktuellen Lernstand sichtbar machen und nach einem ersten Versuch auch wiederholt werden können. Dies ermöglicht es den Schüler:innen, Feedback zu nutzen, aus ihren Fehlern zu lernen und die geforderten Kompetenzen zu erreichen.
Hier kommt SELF ins Spiel. Es stützt sich auf die Prinzipien von Alternative Grading und stellt den Lernprozess in den Mittelpunkt der Bewertung. Anstelle eines abschliessenden Urteils setzen wir in diesem Modell auf transparente Ziele, hilfreiches Feedback und eine additive Notengebung, bei der die Schüler:innen ihre Note durch erfolgreich nachgewiesene Kompetenzen schrittweise aufbauen. In dieser Lernumgebung erarbeiten die Schüler:innen Materialien, Übungen und Aufgaben selbständig. Sie setzen sich eigene Ziele, planen ihren Lernweg und weisen ihre Kompetenzen regelmässig nach. Diese Zwischenresultate geben uns einen Einblick in ihren Lernstand und ermöglichen es uns, die Schüler:innen individuell zu begleiten und auf ihrem Weg zu unterstützen.
SELF ist selbstgesteuertes Lernen: Die Schüler:innen sitzen zwar am Lenkrad und können ihre Route selbständig planen, aber wir geben die Karte vor, auf der sie sich bewegen können.
Mit der Möglichkeit, Kompetenzen mehrmals zu zeigen, erhalten die Schüler:innen mehr Sicherheit, auch mal Risiken einzugehen und sich auf anspruchsvolle Aufgaben einzulassen. Das bedeutet aber nicht, dass unser Korrekturaufwand durch die Decke geht: Mit klaren Spielregeln, Pass/Fail-Kriterien und kurzen (selbstkorrigierenden) Checks halten wir die Bewertung schlank und machbar, ohne dass wir bei der Qualität Abstriche machen müssen.
Diese Form des Unterrichts wirkt sich nachhaltig auf unsere Rolle als Lehrperson und auf die Beziehung zu unseren Schüler:innen aus. Da die Schüler:innen die Inhalte grösstenteils selbständig erarbeiten und wir weniger frontalen und synchronen Unterricht halten, entstehen neue Freiräume, die Schüler:innen zu coachen und beim Lernen zu begleiten. Auch die additive Notengebung hat das Potenzial, Prüfungsängste abzubauen und das Vertrauen zwischen uns und unseren Schüler:innen zu stärken.
Dieser Baukasten liefert die theoretischen Grundlagen und das praktische Handwerkszeug, um bereits morgen zu beginnen, den eigenen Unterricht schrittweise weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht darum, alles neu zu erfinden oder funktionierendes Material über Bord zu werfen. Der Fokus liegt auf einem pragmatischen Redesign: Wir nehmen bestehende Unterrichtseinheiten, Aufgaben und Prüfungen und bauen daraus eine neue Struktur, ohne dass ein einziger richtiger Weg zementiert wird. Vielmehr wählen wir die Bausteine, die zu unserem individuellen Stil und unserem Fach passen, egal ob auf der Primarstufe oder am Gymnasium. Ziel ist es, schnell ins Handeln zu kommen: SELF kann klein beginnen und Schritt für Schritt weiterentwickelt werden.
Struktur dieses Handbuchs
SELF besteht aus verschiedenen Elementen, die eng zusammenspielen. Damit wir dabei den Überblick behalten, ist dieses Handbuch in vier klar getrennte Teile gegliedert. Wir lernen SELF zuerst als Ganzes kennen, betrachten anschliessend die zugrunde liegenden Prinzipien und planen Schritt für Schritt eine eigene Einheit. Im letzten und ausführlichsten Teil vertiefen wir die einzelnen Bausteine und ihre Umsetzungsmöglichkeiten. Hier ein schneller Überblick über die vier Teile:
Teil 1 – SELF auf einen Blick
Im ersten Teil lernen wir die Grundmechanik von SELF anhand einer konkreten Unterrichtseinheit kennen. Wir schauen uns an, wie Kompetenzen und Module zusammenspielen und wie daraus eine additive Note entsteht. So erhalten wir zunächst ein Gesamtbild, bevor wir die einzelnen Elemente genauer betrachten.
Teil 2 – Die vier Säulen der alternativen Bewertung
Im zweiten Teil betrachten wir die Prinzipien, auf denen SELF aufbaut. Die vier Säulen Qualität, Feedback, Bewertung und Redos zeigen, wie Alternative Grading den Lernprozess in den Mittelpunkt stellt, und bilden das Fundament für die weitere Arbeit mit SELF.
Teil 3 – Eine SELF-Einheit in fünf Schritten
Im dritten Teil geht es an die eigene Umsetzung. Anhand von fünf zentralen Entscheidungen nehmen wir eine bestehende Unterrichtseinheit und gestalten sie Schritt für Schritt nach den Prinzipien von SELF um. Dabei steht ein pragmatisches Redesign im Zentrum: Wir nutzen, was bereits funktioniert, und bauen darauf auf.
Teil 4 – Die Bausteine im Detail
Im vierten und ausführlichsten Teil vertiefen wir die sieben Bausteine von SELF. Dabei orientieren wir uns an den fünf Schritten aus Teil 3 und gehen genauer auf die einzelnen Planungsentscheidungen ein. Jeder Baustein enthält Grundlagen, konkrete Anleitungen und verschiedene Möglichkeiten für die praktische Umsetzung. Der Baukasten ist dabei nicht als starres Rezept gedacht: Wir wählen die Bausteine und Varianten aus, die zu unserem Unterricht und unseren Ressourcen passen.













